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Leben des lyrischen Ichs

Das sind doch alles nur sinnlose Geschichten. Dachte ich, während ich das Buch wieder zurück in das Regal lag. Gerademal 15 Seiten, des neuen Romans gelesen, den ich heute zu meinem 19. Geburtstag geschenkt bekommen habe und schon fehlt jegliche Motivation, mich weiter zu vertiefen und die Handlungen, des Protagonisten verstehen zu können.

Auf dem Weg ins Speisezimmer ist immer noch ein schwerer Bass der elektronischen Musik zu hören. „Wieso kommst du nie zum Essen, wenn es noch warm ist? Und mach deine Musik etwas leiser. Wir haben ja noch Nachbarn und es ist Mittagsruhe.“ Mein Vater ist ein sehr eigenartiger Mensch. Er ist sehr Intelligent und hat sogar studiert. Jedoch lebt er ein Leben, das für mich in keinster Weise lebenswert ist. Nach der Arbeit kommt er nach Hause, isst, liest seine Zeitung und legt sich hin. Jede volle Stunde schaltet er den Fernseher an um die Nachrichten zu sehen.

Er interessiert sich stark für Politik, hatte jedoch nie ein Bedürfnis danach, selbst Politiker zu werden. Er nimmt sein Leben hin wie es ist und hängt in einer täglichen Routine fest. Sein Verhalten ekelt mich schon regelrecht an.

Ich nehme den Teller mit dem Braten, den meine Mutter in stundenlanger Arbeit vorbereitet hat und ziehe mich wieder in mein Zimmer zurück. Das neue Buch wird bestimmt wie alle anderen im Regal verrotten und einfach ein Gegenstand sein, der mein Zimmer wohnlicher aussehen lässt. Die Tür hinter mir ist zu, also kann die, in schwarzem Klavierlack gestrichene, 1000 Watt starke Stereoanlage wieder aufgedreht werden.

Es ist zwar in keinster Weise respektabel, dennoch mache ich es täglich. Man hört einen klaren elektronischen Klang in der ganzen Wohnung. Trotzdem bin ich mir sicher, dass in meiner kleinen Welt, die ich mir geschaffen habe, alles auch hier bleibt. Musik, Probleme, Zukunftsvorstellungen, abstrakte Gedankengänge. Es ist mein Reich und hier bin ich Gott. Auf dem Monitor blinkt die Nachricht eines guten Freundes. „Kommst du zu mir? Wir müssen unbedingt einen trinken.“

Eigentlich sollte ich noch Bewerbungen schreiben, da ich jetzt seit 4 Monaten arbeitssuchend bin. Aber so ein Angebot kommt nicht jeden Tag. Normalerweise meldet er sich höchstens drei Mal in der Woche und lädt mich auf ein paar Kurze ein. Diesen Monat war ich jedoch fast täglich bei ihm und heute haben wir den 15.

Die Arbeit kann warten. Jetzt wird zuerst gefeiert. Mein Gemütszustand ändert sich innerhalb von wenigen Augenblicken, von depressiv, zu glücklich, bis aufgedreht. Die Schuhe sind schnell angezogen und nach wenigen Minuten steh ich schon vor seiner Haustüre. Es ist ein sehr nobles Haus. Ich weis zwar nicht wo seine Eltern arbeiten, sie sind aber oft auf Geschäftsreisen. Noch in Gedanken versunken, wird plötzlich die Tür aufgerissen. „Hier nimm das mit und geh besser. Meine Eltern kommen heute früher zurück. Ach ja! Alles Gute zum Geburtstag!“ Er drückt mir eine Flasche Wodka in die Hand und verschwindet wieder in dem Haus seiner Eltern.

Leicht schockiert mache ich mich auf den Weg zu einem weniger bewohnten Platz und sah mir erst mal genauer an, was ich da bekommen habe. Es ein guter Wodka. Fünffach destilliert und ein vorzügliches Aroma. Ich nehme sofort einen großen Schluck aus der Flasche. Wenn er mir das schon so in die Hand drückt wird es wohl ein Geschenk sein.

Ich nehme einen weiteren Schluck und merke wie der Alkohol langsam die Kontrolle meines Körpers übernimmt. Alles wird viel einfacher und alles ist friedlich. Genau so habe ich mir meinen Geburtstag vorgestellt. Ich setze die Flasche erneut an und der scharfe Geschmack gleitet wie ein Messer die Kehle herunter.

Ich werfe die Flasche weg, da sie eh fast leer ist und mache mich auf den Weg zurück in mein Reich. Mein Zimmer in dem ich wieder komplett geborgen bin. Ich denke, ich mach mich gleich mal ran ein paar Bewerbungen zu schreiben. Nach meinem Abi hab ich echt nichts mehr auf die Reihe bekommen. Ich versuch es heute mal zu ändern. „Hallo ich bin wieder da!“ Man hört ein leises „Hallo“ aus der Küche und ein kaum verständliches Gegrummel aus dem Wohnzimmer. Es dauerte keine Minute, bis die Wohnung wieder von starken Bässen erfüllt ist. Durch meinen Rausch werden alle Töne dazu um einiges intensiver wahrgenommen.

Soll ich mich jetzt an die Arbeit machen und anfangen für meine Zukunft zu sorgen? Nein, dazu bin ich nicht in der Stimmung. Der schwarze Ledersessel ist in meiner Situation jetzt das Beste. Der Takt der Musik wird immer schneller. Ich versinke im weichen Schaumstoff des Sessels und vertiefe mich in den Klängen, die meinen ganzen Körper durchfließen und zur Erregung bringen.

Es klopft an der Tür. „Es kam ein Brief für dich.“ Mit einem seelenlosen Blick nehme ich ihn entgegen. Es ist sofort das Zeichen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zu erkennen. „Sehr geehrt…“ Wieso muss denn alles so förmlich sein? „Wir entschuldigen uns für die lange Wartezeit, jedoch fiel es uns schwierig den diesjährigen Ansturm an Bewerbern rechtzeitig zu bewältigen. Nach ihrem exzellenten Abschluss, mit einem Notendurchschnitt von 1,0 wären wir erfreut, wenn Sie sich dazu entscheiden würden, bei uns ihr Studium zu tätigen.“ Ich reagiere wie immer mit Gleichgültigkeit und genieße mein Ich-Sein.

Durch das Studium werde ich zwar kein neuer Mensch, aber es bringt wenigstens etwas Abwechslung in meinen Alltag. Die Zimmertür geht wieder auf. „Wer hat denn geschrieben?“ „Es war nur Heidelberg. Sie haben mir eine Zusage geschickt.“ „Gut. Langsam wirst du erwachsen.“ Ja ich werde erwachsen, einen geregelten Tagesablauf haben und in der Endlosschleife, der täglichen Routine gefangen sein. Sie wird mich immer mehr Kontrollieren. Wie ein Virus. Aber ich habe ja noch zwei Monate, in denen ich noch völlig klar sein, und meine Persönlichkeit ausleben kann. Ansonsten kann man nur runden.

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